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Wo liegen die Unterschiede von früheren Massenmedien zu den Heutigen?

Mit drei TV-Spots konnten Unternehmen 1965 80% aller Frauen zwischen 18-49 Jahren erreichen. Um das Gleiche zu erzielen müssen sie heute 97 Spots schalten. Medien sind stark fragmentiert nach Zielgruppen, es gibt ein viel größeres Angebot an Kanälen und Formaten sowohl im Fernsehen als auch bei Print und Hörfunk. Die Kosumenten haben zudem insgesamt einen höheren Medienkonsum.

Frau Prof. Dr. Juliane Staubach ist seit 2010 Professorin für Marketing und Vertrieb am Fachbereich Wirtschaft der Technischen Hochschule Mittelhessen.

Sind Social Networks wie Facebook, Twitter und co, eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Massenmedien?

Das sogenannte Web 2.0 hat einen steigenden Einfluss auf viele Konsumenten. Sie tauschen sich in Internet-Blogs und Foren über ihre Erfahrungen mit Produkten aus. Diese Art der „Word of Mouth“-Kommunikation gilt als glaubwürdig und beeinflusst oft die Kaufentscheidung für oder gegen eine bestimmte Marke. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie die Inhalte im Internet über ihr Produkt nicht mehr wie bei einem klassischem TV-Spot kontrollieren können.

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Bei der Einführung der neuen „Pampers Dry Max“ in den USA musste der Konsumgüterhersteller P&G erleben, wie schnell sich Gerüchte über eine angebliche Unverträglichkeit der Windel in Internet-Foren für Mütter verbreiteten. Eine Facebook Gruppe die P&G zur Rückkehr zur vorherigen Windel bewegen wollte, hatte schnell  11,000 Mitglieder. Einzelne Eltern verklagten P&G. Klassische Medien wie Zeitung und Fernsehen berichteten ausführlich über die Aktion und erhöhten so die negative Berichterstattung. Dies blieb nicht ohne Konsequenzen für den Marktanteil und den Umsatz der Marke. Mittlerweile belegen unabhängige Untersuchungen die gesundheitliche Unbedenklichkeit der neuen Windel – aber der Imageschaden für die 8 Mrd. Dollar Marke Pampers bleibt.

Ich denke, Internet und damit die Social Networks müssen aufgrund der steigenden Bedeutung genauso systematisch in die Kommunikationsstrategie eine Unternehmens integriert werden wie die anderen, klassischen Kommunikationsinstrumente. Ersetzen wird Web 2.0 kurz- und mittelfristig die klassischen Medien nicht, v.a. nicht im Massenmärkten wie Shampoos und Bier.

Wie stehen Sie zu dem Argument, dass das Internet immer weniger Raum für Qualitätsjournalismus lässt?

Ich glaube, dass Informationsmedien insgesamt an Qualität und Vielfalt verlieren, da sich immer mehr Konsumenten statt eine Zeitung zu kaufen gratis im Internet informieren. Das Kostenbewusstsein für guten Journalismus schwindet und damit auch das Geschäftsmodell der werbefinanzierten Medien. Wenn die Zeit und das Geld für eine gründliche, individuelle Recherche fehlen, steht am Ende überall das Gleiche. Letztlich kann dies sogar die Demokratie gefährden, für die ein funktionierendes Informationssystem der Bürger wichtig ist.

Gegenfrage: Stehen aktuelle Massenmedien für Qualitätsjournalismus?

Sicher nicht alle. Aber gerade die durch den Wandel in der Mediennutzung der Konsumenten besonders negativ betroffenen Tageszeitungen sind bekannt für seriöse Nachrichtenerstattung, die Konsumenten oft auch mit regionalem Bezug informieren.

Was bedeutet der Medienwandel für die Konsumenten?

Der Medienwandel schreitet voran: Das Web verknüpft längst TV, Radio, Text und Bild, das Mobiltelefon wird immer mehr zum Unterhaltungs- und Informationszentrum. Der Konsument profitiert davon, weil durch den Mix aus Text und Bewegtbild ein völlig neues, individualisiertes Unterhaltungs- und Informationsangebot entsteht. Auf der anderen Seite ist der Konsument durch die andauernde Informationsflut oft völlig überfordert. Jeder Bundesbürger nimmt Untersuchungen zufolge von den etwa 3.000 Werbebotschaften, die täglich auf ihn niederprasseln, durchschnittlich nur 52, d.h. weniger als 2 % wahr. Klassischer Werbung steht er zudem immer skeptischer gegenüber. Deswegen auch die hohe Bedeutung der virtuellen Word of Mouth-Kommunikation.

(Quelle: http://faz-community.faz.net/blogs/netzkonom/archive/2009/11/02/der-medienwandel-wird-immer-schneller.aspx)

Wie bewerten sie die Auswirkungen des Medienwandels auf den B2B-Bereich?
Auch Unternehmen im B2B-Bereich nutzen das Internet, um sich gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Investoren und der Öffentlichkeit zu präsentieren und müssen es in ihre Kommunikationsstrategie integrieren. Die persönliche Interaktion ist jedoch zumeist das wichtigste Kommunikationsmittel bei Geschäften zwischen Unternehmen, da Produkte, Services und Preise sehr oft individuell auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten werden. Dies wird auch in Zukunft so sein. Insofern sind die Auswirkungen des Medienwandels auf den B2B Bereich geringer als im B2C Bereich.
Wie wird Ihrer Meinung nach die deutsche Medienlandschaft 2020 aussehen?

Das ist schwer zu sagen. Ende der 90ger Jahre mussten sich Marketers erstmals Gedanken zur Frage „Was bedeutet digitales Marketing“? machen. Heute muss man sich Gedanken darüber machen, wie man Web 2.0 und Social Media managed. Dies ist die nächste Generation von Internetmarketing und damit eine neue Herausforderung.

Der Umbruch der Medienwirtschaft ist im vollen Gange, ich erwarte neue, überraschende Konstellationen. Telekommunikationsanbieter wandern in das TV-Geschäft, Verlagshäuser entwickeln sich zu mächtigen Medienkonzernen. Digitale Medien und Geschäftsfelder können weiter ihren Umsatz am Werbevolumen überproportional steigern, sie werden bereits heute personell aufgestockt. Mobile Geräte werden den Konsumenten zukünftig noch viel stärker als heute durch sein tägliche Leben begleiten und vielfältigste Aufgaben der Kommunikation, Unterhaltung und Organisation übernehmen.

Wie bewerten Sie die Macht des Konsumenten durch die Medienmassen?

Die Macht des individuellen Konsumenten ist zweifellos gestiegen. Durch das Internet ist die Kommunikation schnell, kostengünstig und öffentlich möglich. Früher konnte der Konsument höchstens Hotlines anrufen um den Unternehmen Feedback zu geben, jedoch bekam sonst niemand mit, wie man als Kunde behandelt worden ist. Die Konsumenten haben zudem die Möglichkeit, sich zu Gruppen zusammenzuschließen und den Unternehmen die Meinung geschlossen mitzuteilen. Heute findet Feedback öffentlich statt.

Es gibt viel Feedback zu renommierten Marken und Unternehmen im Internet, z.B. bei online-Händlern von Eltern zu der Qualität der von ihnen gekauften Spielsachen. Diese neue Macht kann man als Konsument konstruktiv oder destruktiv nutzen. Es ist grundsätzlich natürlich positiv, dass der Konsument die Möglichkeit hat, sein individuelles Feedback z.B. zu einem Produkt zu geben. Andererseits wird diese Möglichkeit auch missbraucht. Es gibt viele falsche Informationen und Halbwissen in Blogs, was wiederum nicht zum Vorteil der Konsumenten ist. Die neue Einflussmöglichkeit bedeutet auch die Pflicht, verantwortlich mit ihr umzugehen.

Wir danken für das Interview!

Von Dejan Latinovic

Herr Prof. Müller-Lietzkow, obwohl Sie eigentlich aus den Wirtschaftswissenschaften kommen, sind Sie nun geschäftsführender Direktor des Institutes für Medienwissenschaften an der Universität Paderborn. Sicherlich haben Sie im Laufe der Jahre gesehen, wir sehr sich Massenmedien durch das Web 2.0 verändert haben. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen im Hinblick auf öffentliche Kommunikation? Inwiefern hat das Web 2.0 unser Verständnis von Massenmedien verändert/erweitert?

Das Web 2.0 ist ja eigentlich weit weniger als es der voluminöse Titel erwarten lässt. Web 2.0 ist eigentlich nur die konsequente Weiterentwicklung zahlreicher Modelle, die in den Jahren 1995-2000 entwickelt wurden. Breitbandzugang, höhere Diffusion bzw. Penetration der Haushalte sowie „Normalisierung“ im Umgang mit dem Web führen nur dazu, dass heute weit mehr Menschen das Netz ganz natürlich nutzen und auch bereit sind, das breite Spektrum auszuprobieren. Sicherlich hat das Web insgesamt die Frage von traditionellen 1:n-Medien, wie dem Fernsehen oder auch dem Hörfunk zu den m:n-Medien gelenkt. Heute geht es um eine multidirektionale Betrachtung der Dinge.

 Was glauben Sie, welche Anreize Menschen haben, öffentlich im Internet zu kommunizieren?

Die Frage birgt zwei Aspekte: Erstens, warum Menschen überhaupt öffentlich kommunizieren und zweitens, ob es hierzu tatsächlich auch Anreize gibt. Zunächst kann man beobachten, dass es offenkundig ein hohes Mitteilungsbedürfnis bei vielen Menschen gibt, welchem durch das Web leicht Abhilfe geschaffen werden kann. Der Anreiz liegt aber viel mehr in der Erwartungshaltung, dass das kommunizierte auch rezipiert wird – oder gar in Reinkultur eine Reaktion erfolgt. Einer der zentralen Gratifikationsmechanismen des Netzes liegt ja in der Interaktion bzw. dem Wechselspiel der Rollen aus Kommunikator und Rezipient.

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Glauben Sie, dass sich der öffentliche und der private Charakter von Medien im Bezug auf Kommunikation durch diese Erweiterung der Möglichkeiten vermischen?

Dies ist keine Glaubensfrage sondern Realität. Vor allem in sozialen Netzwerken differenziert das Publikum immer weiter aus und ich bin mir längst nicht mehr im Klaren darüber, wer meine persönliche Botschaft alles liest. User Generated Content hat somit das Kernziel der Entgrenzung. Umgekehrt müssen sich traditionelle Medienanbieter über diese Veränderung nicht ärgern, sondern lernen, welche Chancen darin liegen. Zugegeben, dies ist ein ziemlich komplizierter Weg, aber gerade die Social Game Anbieter beweisen, wie auch hier eine Marktkapitalisierung gestaltet werden kann.

Bisher war das Telefon/Handy eher als Medien für 1:1-Kommunikation bekannt. Inzwischen kommen immer mehr Smart Phones auf den Markt und auch Mobile Marketing wird zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil der Marketingmaßnahmen. Wird nun auch unser Handy zum Massenmedium?

Das „Handy“ wird nicht zum Massenmedium, wohl aber zur Plattform für soziale Interaktion, die über den Grad der 1:1-Kommunikation hinausreicht. Mobile Endgeräte, wie iPad, Samsungs Galaxy Tab oder auch die Smartphones mit Android und Windows 7, ganz zu schweigen vom iPhone 4 sind Kleincomputer die dem Schlagwort „Konvergenz“ eine ganz andere Bedeutung einräumen, als dies noch die Smartphones der ersten Generation (z. B. Nokias Communicatorreihe) zu leisten vermochten. In der nächsten Generation wird die Trennschärfe der Geräte m. E. durch eine noch höhere Leistungsfähigkeit der Endgeräte eher zu der Frage führen, ob und wie sich Single-Source-Geräte adaptieren müssen. Ein „Fernseher“ ist ja schon heute ein Webkanal, eine 3D-Visualisierungsmaschine oder auch ein Monitor für andere Geräte. Die Zukunft liegt dabei in einer stetig steigenden Mobilität.

Immer mehr User nutzen die Möglichkeit, ihre eigene Meinung in Form von eigenen Blogs oder durch Social Networks online zu kommunizieren. Wie schätzen Sie den Einfluss der Internet-Community auf die öffentliche Meinung ein? Wie wird sich dieser zukünftig entwickeln?

Die öffentliche Meinung im Jahr 2010 wird nach wie vor durch die Leitmedien Print (Tageszeitungen, wenn auch im Netz) und Fernsehen am stärksten beeinflusst. Dies wird sich auch in den nächsten Jahren nicht so schnell ändern – aber es ändert sich die Kommentierung. D. h. der Diskurs wird breiter und mehr Menschen werden sich an öffentlicher Meinung beteiligen. Dies ist grundsätzlich in pluralistisch demokratischen Gesellschaften eher wünschenswert und gut.

Ist es durch die vielen Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet, heute schwieriger Qualitätsjournalismus von den vielen anderen Veröffentlichungen zu unterscheiden? Wie kann man den Benutzer dazu sensibilisieren, einen guten von einem schlechten Artikel zu unterscheiden?

Lesen, lesen, lesen und nochmals lesen. Nur wer viel liest und sich ernstlich mit Sprache beschäftigt, wird zukünftig investigativen Qualitätsjournalismus deutlich von PR-getriebenen Medien unterscheiden können. Die PR-Profis sind inzwischen sehr gut und können in quasi-journalistischer Manier nahezu jeden Text simulieren und somit auch entsprechend Journalisten unterstützen. Darüber hinaus: Blogs und andere Medien des Web 2.0 müssen zunächst den Gegenbeweis erbringen: Sind andere Medien „schlechter“ als diese? Ich denke, dass dies noch eine geraume Weile dauern wird.

Viele Medienmacher stellen sich aktuell die Frage: Wie kann man in Zukunft mit Inhalten Geld verdienen? Haben Sie eine Idee?

Ja! Aber um nicht zu platt zu antworten: Es wird vor allem um die Frage der Monetarisierung von Informationsselektion gehen. Diejenigen verdienen Geld, die echte Mehrwerte bieten. Unterhaltungsmedienanbieter verdienen Geld, wenn Personalisierungsprozesse richtig gehandhabt werden. Diese Personalisierung besteht vor allem in der Differenzierung gegenüber dem nicht-zahlenden Kunden. Ich denke, dass vor allem die ganz großen Medienkonzerne mit geringer Diversifikationstiefe hier eher Probleme bekommen werden, als z. B. ein global aufgestellter Riesenkonzern, wie Bertelsmann, die durch den in den Medien durchaus üblichen Weg der Querfinanzierung weiterhin sehr schwarze Zahlen schreiben werden.

Autor Marcus Albers ist es gelungen, sein Buch „Meconomy“ ohne die Hilfe eines Verlages zu veröffentlichen. Zunächst als E-Book, inzwischen als Book-on-demand. Viele gute Autoren arbeiten bei großen Zeitungen und Magazinen – wie können auch sie sich davon lösen?

Warum müssen sie sich lösen? Gibt es einen Zwang zur Lösung? Problematisch finde ich lediglich die Ausbeutung von Autoren im Hinblick auf den üblichen Druckkostenzuschuss. Ich denke, die Lektoren sollten einfach sehen, wann ein Buch „reif“ ist und dann wird es seinen Markt finden. Ich bin kein Freund der absoluten Kostenlos- und immer-verfügbar-Kultur. Die Symbiose aus Autor und Verlag gilt es nicht in Frage zu stellen, sondern ich denke, dass diejenigen, die sich nicht bei Verlagen durchsetzen können, eine neue Chance haben, dennoch Ihre Publikation im wahrsten Sinne publik zu machen – auch unter der Prämisse ggf. eben kein Geld zu verdienen. Aber das ist ja mit den Creative Commons Lizenzen heute sehr gut möglich und begrüßenswert.

Kommen wir nun zur Ausgangsfrage. Wir behaupten: Massenmedien entwickeln sich immer mehr zu Medienmassen. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Medienmassen – viel Licht, noch mehr Schatten – sind ein Ausdruck der hohen Bedeutung von Medien in der modernen Gesellschaft. Hätte man Luhmann oder auch Habermas schon vor Jahren ernster genommen, wären einige sicherlich heute nicht so „überrascht“. Das Metasystem Medien, wie es Niklas Luhmann nennt, zeigt durch das Web erst seine ganze Breite. Die Kunst, das Vermittlungsmodell der Zukunft, wird daher in der Schulung geeigneter Suchstrategien liegen – konkreter, wie man der Komplexität des Metasystems im Alltag dennoch Herr werden kann. Dann wird aus den Medienmassen gar ein Fundus der besonderen Natur und die kulturelle, informative und unterhaltende Breite zum angenehmen Rahmen der Mediennutzung, welche heute ohnehin primär parallel stattfindet. Oder wir lernen einfach mal wieder den Ausknopf häufiger zu bedienen.

Von Yvonne Gottschlich

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